Der Glücklichmacher

Die Welt ist schöner, wenn man etwas zum Sammeln hat. Gute Zeiten für Sammler und Händler herrschen in unserer Wohlstands-Welt. Historische Gegenstände und alte Dinge erfahren eine ganz neue Kultur der Wertschätzung. Eine Renaissance der Verliebtheit in die Welt der Dinge.

Wir sind in Märklin-Steiff-Mercedes-Land. Baden-Württemberg. Ein kurzes Mittagspausen-Interview mit einem Mann, der es wissen muss und etwas davon versteht. Jörg Trüdinger, Jahrgang 1968, betreibt seit 23 Jahren mit seinem Geschäftspartner einen Laden in Stuttgart für kleine und große Schatzsucher aus aller Welt, der Sammlerherzen höher schlagen lässt. Auf 150 Quadratmetern finden sich Raritäten aller Art: alte Spielwaren des einst größten Spielwarenherstellers Bing aus Nürnberg genauso wie weltweit bekannte Marken wie Lego, Playmobil und Mattel.

Zum Einstieg: Was ging heute als Letztes über den Ladentisch, dass einen neuen glücklichen Besitzer gefunden hat?

Überlegt kurz: Das war ein Märklin Museumswagen von 1995, für 30 Euro.

 

Wie hat eigentlich alles mit Ihrem Geschäft angefangen?

Das war relativ einfach, ich habe schon mein Leben lang gesammelt. Comics und Modellautos waren meine ersten Sammelobjekte. Ich gehe seit ich 14 Jahre alt bin, jeden Samstag auf den Flohmarkt und habe seit 1983 einen festen Verkaufsstand. Dann war klar, dass ich nach meinem Studium als Diplom-Kaufmann meine Leidenschaft zum Beruf machen möchte.

 

Sie müssen als Sammler und Händler ein ziemlich fotografisches Gedächtnis haben, oder?

Ja doch. Die Leute kommen in meinen Laden und fragen sehr zielgerichtet nach bestimmten Wunschobjekten. Und mit den Jahren bekommt man schon seine Routine und Erfahrung. Außerdem hat alles seinen Platz. Ordnung ist für uns ziemlich wichtig. Das muss auch so sein, denn manche haben eine grobe Vorstellung, manche haben eine konkrete Nummer oder Typenbezeichnung im Kopf. Das Thema Modelleisenbahn ist auch eine Wissenschaft für sich.

Beruf und Hobby in Einem, kann das eigentlich gut gehen oder ist man da nicht andauernd im Gewissenskonflikt und hadert mit den eigenen Beständen?

Nein, das klappt. Ich sammel nach wie vor für mich sehr gerne. Beim Sammeln konzentriere ich mich auf ausgefallene Stücke, nicht unbedingt wertvoll, aber Einzelstücke. Es gibt ganz viele Sachen, die die Leute selbst gebastelt haben. Tolle Handarbeiten. Nichts mit besonderem Sammlerwert, aber jedes Einzelstück mit einer bestimmten Geschichte. Das finde ich reizvoll und ganz spannend.

 

Gibt es eine Faustformel für die Bestimmung eines Preises?

Nicht alles was alt ist, ist zwangsläufig teuer. Der Markt wandelt sich auch ständig. Sachen, die vor zwanzig Jahren etwas wert waren, sind heute nichts mehr wert und was damals nichts wert war, erzielt heute Spitzenpreise. “Action Comics 1” von 1938 hat über drei Millionen Dollar bei einer Auktion erzielt, das sind dann ja eher Spekulanten. Bei uns geht es nicht in diese Preisregionen. Eine Märklin Eisenbahn aus den Sechziger Jahren bekommt man bei uns schon zwischen 80 und 100 Euro, wenn ich heute eine neue kaufe, zahle ich 400 Euro. Die Sachen haben einen Gebrauchswert. Und auch die Comics bewegen sich zwischen fünf und zehn Euro. Natürlich gibt es auch da Hefte, die 1.000 Euro kosten, das sind dann wirklich seltene Stücke im Neuzustand. Altes, seltenes und sehr gut erhaltenes Blechspielzeug kann natürlich auch Spitzenpreise erzielen. Es geht fast immer um den Zustand und die Originalität eines Gegenstandes.

 

Sie kommen mit so vielen Menschen in Kontakt, die Ihren Laden aufsuchen. Stellen Sie einen besonderen Leidensdruck bei den Sammlern fest? Gibt es eine Erklärung für den Sammler-Virus?

Sammeln sehe ich wie ein menschliches Grundbedürfnis, quasi ein Ur-Instinkt. Besitzenwollen gehört einfach zum Menschen dazu. Man erfreut sich an seinen schönen Sachen, für manche scheint es auch eine Lebensaufgabe zu sein. Das macht auch den Reiz aus, wenn man ein lange gesuchtes Stück findet und erwirbt oder eine Sammlung komplett macht. Das ist, glaube ich, das Spannende am Sammeln. Bei vielen Sammlern hängt es auch mit Kindheitserinnerungen zusammen, ganz klar. Es gibt ganz unterschiedliche Sammlertypen. Ein bisschen Flucht aus der heutigen Zeit und der Alltagsstress spielen sicherlich auch eine Rolle. Manche Sammler berichten, nur wenn sie abends mit ihrer Sammlung alleine sind, sind sie glücklich und können wirklich abschalten.

Wie sieht es mit der Geschlechterverteilung aus?

Die Frauen sind eindeutig zurückhaltender. Ich schätze, dass mehr als 80 Prozent Männer sind, die in der Kategorie „Klassische Sammlerobjekte“ unterwegs sind. Die Damen der Schöpfung sammeln einfach “praktischere Sachen”, wie Schuhe zum Beispiel.

 

Und wie steht es um die Kinder? Bekommen alle leuchtende Augen, wenn sie in Ihren Laden kommen?

Die Eltern müssen ihren Nachwuchs schon ein bisschen bremsen, aber ab acht bis zehn Jahren kommen sie mit ihrem Taschengeld und suchen sich ihre eigenen Sachen aus. Interessant ist eher, dass das klassische „Sammler-Einstiegsalter“ um die 40 Jahre ist, so wie ich das überschaue. Ist nicht ganz verwunderlich: In dem Alter ist mehr Geld da, die Kinder sind schon etwas älter, die familiären, finanziellen Verpflichtungen sind nicht mehr so groß. Das Sammler-Gen wird allerdings nicht zwangsläufig an die nächste Generation weitervererbt. Dann werden ganze Sammlungen vom Vater oder Großvater komplett aufgelöst oder verkauft, was wiederum andere Sammler freut.

Was ist oder war Ihr schönstes Sammlererlebnis?

Da muss ich weit zurück in die Kindheit. Ich war 12 und habe auf dem Flohmarkt bei einem etwas älteren Mädle ein Schuco-Auto gekauft, was ich von 6 DM auf 5,50 herunter gehandelt hatte. Und noch auf dem Flohmarkt wurde ich von einem älteren Mann angesprochen und bekam sofort den zehnfachen Preis angeboten. Da habe ich gedacht, ich kann nicht nur sammeln, sondern auch noch Geld verdienen. Gute Sache! Das Auto habe ich heute noch, 35 Jahre später, ist allerdings weniger wert als damals. Aber für mich ein ideeller Wert. Und noch eine Sache: Der Informationsvorsprung von Fachhändlern gegenüber den Kunden ist in Zeiten von Internet und ebay viel geringer als noch vor zwanzig Jahren. Käufer und Sammler sind sehr gut informiert. Ich gehe auch offen mit den Kunden um, die wissen, wofür ich das Stück anbieten werde. Den üblichen Händleraufschlag kennt mittlerweile auch jeder.

Wie ist das Verhältnis Laden oder Internetverkauf?

Bei uns gehen 80 Prozent im Geschäft oder auf dem Flohmarkt, bei dem ich einen festen Stand habe. Ich möchte meinen Kunden die guten Sachen im Laden anbieten, es gibt allerdings Händler, die nur noch übers Internet verkaufen. Wenn ich 100 Sachen kaufe, brauche ich vielleicht nur neun Teile, den Rest biete ich auch über ebay wieder an. Das Internet hat auch seine Vorteile für uns: Mein weitester Kunde kam aus Australien. Oder Saudi-Arabien. Das war eine Frau, die ein altes Sammler-Flugzeug gekauft hatte. Es kommen auch immer mal wieder ausländische Gäste und speziell japanische Besucher in meinen Laden. Das Fernsehen hat einmal über uns in Japan berichtet. Es gab aber Zeiten, da hat uns das Internet ganz schön zugesetzt. Mittlerweile sehe ich uns mit einem Laden aber als Trendsetter. Es ist einfach viel besser und schöner, eine Sache in der Hand zu halten und eine direkte Geschichte dazu zu hören, als sich nur stumm am Bildschirm durchzuklicken.

 

Entstehen auch Freundschaften durch das Sammeln?

Ja, unbedingt. Mit manchen Kunden pflege ich einen recht engen Kontakt. Sammeln verbindet, da schaut man sich seine Sammelschätze im Keller auch an. Es gibt Sammler, die kommen seit über 20 Jahren in meinen Laden. Da wächst man schon irgendwie zusammen und kennt sich gut. Privates wird da natürlich auch ausgetauscht. Ein wichtiger Punkt beim Sammeln ist natürlich das Fachsimpeln und das Wissen über seine Schätze. Macht doch Spass, das zu teilen. Der Stolz ist immer dabei. Kritisch wird es, wenn es einen zu hohen Grad an Verbissenheit und Besserwisserei erreicht. Das muss nicht sein. Aber kommt auch vor. Und das Sammeln kennt einfach keine Grenzen, das ist was sehr internationales: Der eine teilt sein Hobby für Steiff-Tiere in aller Welt, eine andere bestückt ihr ganzes Wohnzimmer mit Queen Elizabeth Devotionalien. Prima. Das geht dann auch schon ein bisschen in Richtung, ein Teil von einer Berühmtheit zu sein oder sich ein eigenes Denkmal zu setzen.

 

Wieviele Teile gibt es ungefähr in Ihrem Laden?

Ich würde sagen, gut 100.000 Stück. Alleine 12.000 Modellautos. Immer wieder schön, wenn einmal im Jahr Inventur ist. Da sitzen ich und mein Kollege schon ein paar Tage dran, wenn wir dann Bestandsaufnahme haben.

 

Kann man sich Glück bei Ihnen kaufen?

Das würde ich nicht sagen, aber ich merke, dass die Menschen sich freuen. Eine junges Mädchen hat eine Neue Deutsche Welle Schallplatte aus den Achzigern bei mir gefunden, ich glaube, sie ist zwei Minuten lang mit einem sehr zufriedenen Grinsen durch den Laden gehüpft. Da war sie wohl glücklich, würde ich sagen. Wenn man etwas lange Zeit sucht und dann fündig wird, da fühlt man sich schon gut. Geht mir auch nach über 30 Jahren Sammeln immer noch so. Aber klar lässt das Glücksmoment irgendwann nach, dann braucht man wieder einen neuen Impuls. Die Leute sind unterschiedlich emotional, es gibt Sammler, die würden manche Stücke niemals wieder hergeben, also tauschen oder verkaufen, andere schliessen ihre Sammlung irgendwann ab und veräußern alles. Dann fangen sie mit einem neuen Sammelbereich an.

Wie hat sich das Sammeln in den letzten Jahrzehnten verändert?

Das Sammeln und die Themen verändern sich im Laufe der Zeit immer wieder. Im Augenblick ist alles auf gepresstem Vinyl sehr in, was vor ein paar Jahren undenkbar gewesen wäre. Eine richtige Renaissance. Ich kann mir zwar vorstellen, dass es auch in zwanzig Jahren noch Menschen gibt, die Playmobil-Figuren oder Modelleisenbahnen sammeln, aber wer weiss, was für die kommenden Generationen wichtig wird. Mittlerweile gibt es Retromessen und Sammlerbörsen für Computerspiele. Es gab auch Phasen, wo man gar nicht genug haben konnte von Überraschungseiern oder Telefonkarten. Das war ein regelrechter Boom und Hype, dem sich viele Leute nicht entziehen konnten. Ist nicht mehr richtig zeitgemäß. Ich glaube, es gab einmal Telefonkarten aus Sondereditionen, die haben Anfang der neunziger Jahre händlermäßig mit 14.000 DM zu Buche geschlagen, die kannst Du heute für weniger als fünf Euro erwerben. Wenn der Bezug für die Menschen fehlt, dann läuft eine Sache aus.

Kann ganz schön anstrengend sein, das Sammeln. Wie entspannen Sie sich?

Ja. sechzig Stunden Arbeitszeit in der Woche inclusive Flohmarkt sind schon normal. Zum Ausgleich gehe ich gerne joggen. Und meine Familie ist auch noch da. Meine Frau unterstützt mich halbtags im Laden, ohne sie könnte das auch gar nicht funktionieren. Meine Kinder haben übrigens überhaupt keine Sammelleidenschaft. Oder zumindest keine, die mir bekannt ist. In unserer Wohnung habe ich ein Zimmer, wo meine Sammelobjekte sind. Nichts deutet also daraufhin, dass ich komplett den Verstand verloren habe.

 

Ihr Laden hat ein bisschen was von einem Museum, nur eben auch zum Anfassen. Wie sieht es mit Langfingern aus?

Noch vor zwanzig Jahren war es in diesem Viertel drastisch. Da kam ständig etwas weg. Irgendwie haben sich die Menschen gebessert. Vielleicht brauchen Sie das auch nicht mehr oder haben gemerkt, dass es viel zu viel Arbeit macht, die Sachen dann gegen Bares wieder los zu werden. Bei den Einbrüchen in Wohnungen geht ja auch keiner mehr mit ganzen Wohnzimmereinrichtungen und Fernsehern aus der Balkontür raus. Die wollen alle nur das schnelle Geld. Ich habe allerdings auch nicht solche Sammlergegenstände, die tausende Euro wert sind. Für meine Kundschaft ist mein Laden auch eine Art Rückzugsgebiet, jeder kann sich alles anschauen, anfassen, ausprobieren und bekommt eine fachliche Beratung.

 

Gibt es auch noch den berühmten Keller- oder Dachbodenfund?

Mit Sicherheit. Es gibt so tolle Sammlungen, über die man sich freut. Aber die Leute sind auch realistischer geworden, was ihre Preisvorstellung anbetrifft. Das Bewusstsein, dass ein Händler auch Arbeit damit hat, ist größer geworden. Ich kann ja auch nicht wild darauf loskaufen, auch wenn ich gerne wollte. Und als Händler muss ich natürlich immer meine Lagerkapazität im Auge behalten. Den Sammlern ist es wichtig, dass ihre Schätze in gute Hände übergehen, wenn es nicht in der Familie bleibt. So vermitteln wir auch gerne potentielle Käufer, wenn wir für diesen Bestand keine Platzmöglichkeit haben.

Als eingefleischter Sammler gibt es wahrscheinlich nichts, was einen bremsen kann. Wie geht eigentlich der Partner, also in dem Fall meistens die gestresste Ehefrau, damit um, wenn ihr Mann seit 30 Jahren in Eisenbahn macht?

Nun, ich schätze, das baut sich langsam auf und mit der Zeit sagt sich die Frau vielleicht, dass ihr Mann sich nicht in der Gegend rumtreibt, das Geld versäuft oder anderen Frauen nachstellt. Ein bisschen was von Kapitulation oder Abfinden mit der Realität hat es womöglich auch. Den Spieltrieb im Manne kann auch eine Frau nicht stoppen. Und in der Regel hat es auch etwas Beruhigendes zu wissen, was der Mann so mag und macht. Dramatisch wird es vielleicht, wenn der Sammler lieber sein technisches Spielzeug in die Hand nimmt als seine Frau.

Menschen werden wohl immer irgendetwas sammeln, egal ob aus finanziellen Gründen, aus Zeitvertreib oder Leidenschaft. Eine schöne Sache. Sagen wir es so: Mir gibt das Sammeln auch eine gewisse Zufriedenheit. Es hat ja auch etwas von Traumwelt und Tradition, vielleicht sogar Heimatverbundenheit. In jedem Fall möchte ich unterschreiben, dass es einem auch eine gewisse Art von Sicherheit gibt. Das nennt man wohl Hobby.

Hand aufs Herz: Könnten Sie sich von Heute auf Morgen von Ihrem Laden und Ihren Sammlungen trennen? Angenommen ein reicher Saudi macht Ihnen ein unwiderstehliches Angebot.

Ein ganz ehrliches Ja. Damit hätte ich kein Problem. Ich weiss ja, dass dies nicht in hundert Jahren passiert, aber wenn, dann würde ich mir etwas Neues zum Sammeln suchen. Das Gute ist ja, dass es nie zu spät ist, mit dem Sammeln anzufangen, eher damit, aufzuhören.

 

Eine Frage zum Schluss an Sie als Kenner der menschlichen Sammler-Psyche: Gibt es Menschen, die tatsächlich keinen Sammelwahn haben?

Eine vorsichtige Vermutung sagt mir ein klares Ja, die soll es auch geben.

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