Feiern!

VW-Pfingsttreffen 2016! Ein paar Bilder habe ich schon fertig. Den Beitrag müsste ich am Nachmittag fertig haben. Ich bin auch ganz schön fertig!

So, hier ist er.

Ein bisschen wie Urlaub ist es schon! Ach, was red‘ ich, es ist Urlaub! Und ich freue mich auf die nächsten drei Tage. Wirklich? Naja, ein bisschen mulmig ist mir schon, werde ich doch das Vergnügen mit mehreren zehntausend Menschen teilen, hier auf dem alten NVA-Flugplatz in Bautzen (Ost-Sachsen!) bei dem größten VW und Audi Autotreffen zugegen zu sein. Aber dann überwiegt doch die Neugierde und ich sage mir, Durchhalten, Alter! Immerhin hast Du ja Dein Auto zum Schlafwagen „getunt“.

 

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Der Wind bläst über das weite Feld und ich betrachte schlendernd, wie sich die Autofans mit ihren Zelten und Vordächern abmühen. Man will es ja gemütlich haben. Ein bisschen was von zuhause mitbringen Fehlanzeige, hier wird eine komplette Camping-Anlage aufgebaut mit allem, was man braucht: Grill, Musikanlage, Stühle, Tische, Bänke, aufblasbare Schwimmbecken und Massen an Getränken und Lebensmitteln. Alles da. Kleingarten-Festival-Charme. Der Platz füllt sich langsam. Hier gilt, wie in jedem guten Urlaub mit den Handtüchern auf der Liege: First come! Freie Platzwahl für die anderen. Hier auf dem riesigen Gelände ist ja genug Platz für jeden. Es gibt wahrscheinlich viele, die ihren Stammplatz haben. 22 Jahre gibt es die Veranstaltung nun schon und die Fan-Gemeinde wächst stetig. Dass die Hälfte der Deutschen ihrer Lieblingsmarke treu ist, zeigt sich hier in Reinkultur. Statistiker hätten hier bestimmt ihre Freude, Erhebungen zu machen. Und Volkswagen als traditionsreicher Autobauer bietet mit seinem riesigen Sortiment ja für jeden etwas an. Natürlich bin ich hier, um „richtige“ Blech-Schätze zu finden und fürs Fotoalbum abzulichten. Natürlich bin ich hier, um mit VW- und Auto-Junkies über so ein Fest zu sprechen und lustige, seltsame Fragen zu stellen. Mal sehen, wen ich alles treffe. Ich würde sagen, das Durchschnittsalter liegt bei 20 Jahren, hier auf dem Platz. Eine erste vorsichtige Nachfrage beim Veranstalter bestätigt meinen Verdacht: 80 Prozent Männer, die restlichen Prozent teilen sich Frauen, hin und wieder ein Kind und mitgebrachte Vierbeiner.

 

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Ich treffe Leona aus Brandenburg. Hübsche Blondine, blaue Strahle-Augen mit schwarzem Tanktop-Shirt mit weißer Schrift: Oben ohne! Was für ein Auto hat sie? Blöde Frage: Ein Golf Cabrio natürlich. Gepflegt in Blau. „Was ist das Besondere für Dich hier?“ Übliche Standardfrage. Das Feeling natürlich, Männer treffen, die das gleiche Hobby haben, Party feiern. Schön, Gesinnung läuft hier gänzlich unpolitisch ab. „Und wie bist Du hier so in die Szene gekommen? Immer schon auto-begeistert gewesen?“ Naja, liegt wohl ein bisschen in der Familie, Vater, Brüder, sagt die gerade ausgelernt Industriekauffrau. „Du wirst hier viele Verehrer finden! Aufdringliche und weniger nervige Typen!“ Da mache ich mir keine Sorgen, gibt sie schlagfertig zurück. Bin ich gewöhnt, ich bin Deutsche Meisterin im Ringen und arbeite auch als Türsteherin. Achso, verstehe. Letzte Frage: „Kannst Du Dir auch vorstellen, einen Freund zu haben, der gänzlich nichts mit Autos am Hut hat?“ Naja, nicht so ganz, aber wer weiß. Drei lange Tage und Nächte hat sie jetzt Zeit, ihren Traummann mit dem passenden Untersatz zu finden. Jetzt fährt sie mit ihrer Freundin erst einmal ins nahe Tschechien, zum Mittagessen. Gute Fahrt und, lass‘ Dein Auto nicht aus den Augen!

Das Programm für die nächsten Tage liest sich viel versprechend: Stunt- und Lowridershow, Burnout-WM, Drift United, Sprintwettbewerb mit Qualifikation und Dragsterläufe, sexy Carwash (darf nicht fehlen!), große Discoparty mit LIVE on stage DJs und natürlich für alle Edeltuning-Freaks: Show & Shine Wettbewerb (Üblicher Szene-Jargon) und Feuerwerk natürlich. Hat der Veranstalter jede Menge zutun. Ich treffe Sven Lehmann, Mitorganisator und Pressesprecher, der mich ein bisschen schlau macht. So ein Groß-Event ist schon allerhand Arbeit. Glaub‘ ich gern. Von der Organisation, Produktion und Sicherheit bis zum Personaleinsatz und der Logistik fällt hier schon einmal locker ein sechsstelliger Betrag an. Vier Kilometer Bauzaun auch. „So ein bisschen was von Ballermann-Romantik hat das Ganze hier schon, oder? Nur, dass das Meer fehlt, was ja nicht weiter schlimm ist.“ Schmunzelnd klärt mich Sven noch auf, dass die „Schrauber-Faszination“ zu seinem Bedauern ein bisschen weniger geworden ist (Nachwuchs!), ganz zu schlimme Rüpel sofort rausfliegen und an sich das Ganze einen sehr friedlichen Charakter hat. Sonst wären wir ja auch nicht schon so eine Institution in Deutschland. Big Business, wie ich finde. Für jeden was dabei. Hier trifft sich also die Tuning-Szene und-Elite aus Deutschland. Bling-Bling-Optik, Chrom, Lack und Leder, Soundsysteme. Laut muss es sein. Dann doch bitte auch mit ganzem Körpereinsatz.

 

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Gut gelaunt mache ich meine erste Runde. Sarah aus Dresden steht etwas verloren auf der grünen Wiese. Ihr grauer Golf ist feinsäuberlich geputzt und eingeparkt. Sie macht ein Foto von ihrem Auto auf dem grünen Rasen. „Du hast doch bestimmt schon hundertmal Fotos von Deinem Auto gemacht!“ Was Besseres fällt mir jetzt nicht ein. „Ja klar, aber ist immer wieder schön!“ Wieviele Leute kommen jetzt noch zu Dir? Naja, 10 bis 15 Leute bestimmt noch. Jetzt muss sie mit dem rot-weißen Absperrband weiter den Bereich noch einzäunen. Also quasi eine Party auf der Party. Nicht, dass sich hier noch jemand anderes breit macht!

Wieso hat der Mensch so eine Sehnsucht nach Sucht? Für manche Menschen ist das Auto wirklich mehr als ein Auto. Da fließt nicht nur Geld rein. Und somit ist die Szene auch gut organisiert. Es ist eine Riesengemeinschaft, wenn man so will. Gleichgesinnte. Oder Verrückte? Wenn man möchte, ist man das ganze Jahr beschäftigt: Da wären also „VW Alarm“, BMW Asphalt Syndikat, das Fast Car Festival, AMI Leipzig, Tuning Expo, Speednation, die Tuning Days, Essen Motorshow und natürlich, bitte nicht zu vergessen: Das VW Treffen am Wörthersee. Groß, sehr groß, viele Leute. Ich höre immer wieder, dass Tuning mehr ist als ein aufgemotztes Auto. Das ist wie eine Religion, eine Lebensphilosophie. Wahnsinn, denke ich leise. Ein bisschen Erfahrung mit Autoshows und Rennen habe ich schon, aber doch eher begrenzt. Ich merke, Begeisterung kennt keine Grenzen, naja zumindest, wenn es an dem nötigen Kleingeld nicht mangelt. Ist ja doch eher ein teures Hobby! Muss man eben Prioritäten setzen. So ein Festival ist ein perfekter Spielplatz für alle, die ein bisschen narzistisch und eitel sind. Gruppendynamik. Oder doch eher Gruppenzwang? Jeder will seine Individualität zur Schau stellen und doch sehen alle Typen für mich gleich aus. Muskelbepackte Kerle mit perfekt polierten Oberkörpern (Tattoos!), Kurzhaarschnitt und blonde Blondchen. Etwas sehr eintönige Discomusik dröhnt aus vorbeifahrenden Autos oder großen Boxen neben den Campingwagen und soll zum Partymachen animieren. Ein Erotic-Car-Wash soll es auch geben! Was darf ich denn darunter verstehen? Für die Frauen auf dem Platz sicher ein gewohntes Bild. Unübersehbar balzen die jungen Männer um die wenigen Weibchen. Auf den T-Shirts prangen unmissverständliche Botschaften und Statements. Aber selbst die jungen Mädchen zeigen ihre zweideutigen Botschaften auf ihrer kurzen Oberbekleidung. Zu lesen ist zum Beispiel: „Ich mags schmutzig“ mit zwei Frauenkörpern, die sitzend ihre Beine weit spreizend zu einem verschlungenen VW Symbol formen. Total sexistisch, könnte man denken. Alice Schwarzer würde von Frauenfeindlichkeit sprechen. Nun ja, es gibt ja auch immer mehr Frauen, für die Pornos nichts anstößiges sind und zum Alltag mit ihren Männern dazugehören. An einem Verkaufsstand mit genausolchen Artikeln prangt in großer Schrift: „Tanzt ihr Nutten! Der König hat Laune!“ Tausende von Menschen werden an diesem Stand vorbeipilgern.

 

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Spassgesellschaft: Kollektiver Ungehorsam

 

Da schießt mir doch unwillkürlich ein anderer Gedanke durch den Kopf: Interessiert sich hier eigentlich irgend jemand für die aktuellen VW-Skandale oder die miese und schäbige Gier der Wolfsburger Konzernbosse an der Spitze mit ihren Millionenzahlungen und Prämien fürs Nichtstun? Naja, wer sich in einen normalen Golf II einen 1.000 PS Motor unter die Haube setzt, hat wohl seine ganz eigene Philosophie zu Abgaswerten und Benzinverbrauch. Ein bisschen abhängig sein gehört schon dazu. Und so ist Mario Adorf auch dabei: „Ich scheiß Dich so zu mit meinem Geld. Und dann hab‘ ich Dich, dann gehörste mir! Jetzt steh‘ mal stramm, Du leere Hose!“

So, jetzt aber weiter. Ich spreche Sina aus Leipzig an und frage, ob sie mir mal ein paar Bedeutungen von den Aufklebern auf ihrem hübschen, weißen Golf erklären kann. Ich lerne also, die symbolhafte Hand mit einem eingeknickten Finger bedeutet „East“. Fachmännisch geht es weiter zu „Handwash only“ und VolkSWAGen. Sie ist mit ihrem Freund und ihrer Clique da, jetzt muss sie sich aber schminken! Das Wetter wird immer besser und heißer. Perfektes Party-Wochenende! Hier bekommt man alles, inklusive Sonnenbrand. Frauen liegen auf ihren Handtüchern auf der Wiese vor ihren Autos, die Männer stehen um ihre Autos herum. Gute Laune ist hier angesagt: Und viel Alkohol jeder Art und in rauhen Mengen. Aber vor allem Bier. Wildfremde Menschen prosten sich fröhlich und glücklich zu. „Stößchen! Pröstchen!“ Sie sitzen an der Einfahrt-Promenade und begutachten alle Neuzugänge, die sich da in einer Schlange vorwärts quälen. Stau. Aber das muss ja so sein. Dann hat man kurz Zeit für jeden Einzelnen. Abhängen, Abhängen, Abhängen. Feiern, Feiern, Feiern. Musik, Gegröhle, Glotzen: Tatsächlich auch auf die Autos und nicht nur auf’s eigene Bier und die Oberweite der Nachbarin.

Camping-Idylle. Was ist die deutsche Jugend spießig! Wirklich alles professionell organisiert, motorisiert. Es fehlt an nichts. All-Inclusive Tage. So wie es der Deutsche und geübte Urlauber kennt und mag. Wasserspritzpistolen dienen als Anmach-Werkzeug. Dabei sind doch die Frauen hier alle mit ihren Männern da. Freiwild gibt es hier doch nicht. Weiter gehts. An dem Platz gibt es einen Ronny, Tischler von Beruf mit seinem Golf 3 aus Zittau. An einem anderen Platz steht Melissa vor ihrem VW Passat. Sie möchte eine Ausbildung zur Kfz-Mechatronikerin machen. Ein bisschen weiter Marcel aus Leipzig, Mechaniker, mit seinem Scirocco von 2009, dem Wüstenwind. Schnell sieht es aus. Grünmetallic. Nicht ganz billig, so ein Auto. Und Johannes gibt es noch, auch Mechaniker, mit seinem Golf Cabrio von ABT. Die meisten haben also tatsächlich auch etwas beruflich mit Autos zutun. Es ist so, dass bei vielen das erste Auto ein VW war, Kleinwagen versteht sich. Beste Stimmung. Dann fällt mein mittlerweile etwas geübteres Auge auf ganz andere Autos: Rostige Karren mit allerlei Sinn und Unsinn verziert. Das ist also die Gegenströmung zum Aufmotzen. André aus Löbau klärt mich auf: Das ist der Red Look, im Fach-Jargon auch „Ratten“ genannt. Extra verrostete alte VWs, die mit viel Liebe zum Detail auf Alt getrimmt werden.

 

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„Pink-Melanie“ aus Freiberg sitzt bei einer Horde Jungs vor einem Zelt. Ihr wirklich wenig dezentes Tattoo am Oberschenkel ist sicherlich Gesprächsthema Nummer Eins. Etwas später verrät sie mir noch unter vorgehaltener Hand, dass sie eigentlich BMW-Fan ist. Ein weiblicher Wolf im Schafspelz. Der Junge aus Leck zeigt mir seinen alten Bundeswehr-VW, den er mit viel Arbeit zum Campingmobil umgebaut hat. Als ich ihn für ein ernstes Foto bitte, meint er grinsend, fast schon etwas hilflos: „Wie soll das gehen, tut mir Leid, ich bin schon so was von breit. Ich kann nur noch lächeln.“ Nun gut, auch gut. Und der Running-Gag ist also, wenn der Bürgermeister auf amtlichen Mitteilungen schreibt: „Liebe Leckerinnen, liebe Lecker“. Das Kaff gibt es also wirklich. Nordfriesland. Ich frage noch: „Und, wo sind Eure Weibchen?“ Die Antwort kommt: Die haben uns freigegeben… Wer bringt denn schon seine eigenen Frauen zu einer Party mit? Wo er Recht hat, hat er Recht. Es gibt also die Männer-Fraktion, die ihre Frauen mitbringen (Familienausflug!) und es gibt die Männer-Fraktion, die dann doch lieber unter sich ist (Party!).

Die Clans rücken weiter an, die Claims werden weiter abgesteckt. Ein bisschen was von der Eroberung des Wilden Westen hat das Ganze ja. Nicht umsonst nennt der Veranstalter sich auch „Wild Wild East“. Nur, dass ich noch keine Gartenzwerge entdeckt habe, geht mir durch den Kopf. Aber vielleicht finde ich die ja auch noch. Ein Platz fällt mir auf. In dem markierten Feld gibt es eine Stellfläche zwischen all den Autos, die freigehalten wurde. Auf dem Rasen wurde mit Sprühfarbe ein Eisernes Kreuz aufgemalt, mit Gartenleuchten verziert und einem Schild mit schwarzem Band versehen. Ich gehe zu der Auto-Männer-Clique und will gerade anfangen, da meint einer lauthals: „Du bist Günther!“ Ich zurück (protestierend): „Nein! Ich bin der Horst! Erkennst Du mich nicht?“ Dann klären sie mich auf. Der freie Platz ist für ihren gerade verstorbenen Freund zur Erinnerung. Und jetzt trinken sie erst einmal einen auf ihn. Etwas Rührendes hat das ja schon, auch wenn sie alle schon sturzbesoffen sind. Und der Mann schaut aus dem VW- Himmel auf seinen treuen Freunde herab.

Letzte Runde für heute, es wird dunkel und es gibt eigentlich auch nichts Neues zu sehen. Immer das Gleiche. Komische „Funcars“ mit bespaßtem Volk und lauter Musik tuckert im Schritttempo an den anderen und doch immer wieder gleichen Teilnehmern vorbei, mit einem Riesen-Hallo und Abklatschen der ausgestreckten Hände. Man sagt ja auch von Tieren, dass sie kein Zeitgefühl haben. Deshalb freuen sich ja auch Hunde mit einer solchen Inbrunst, ihre Herrchen wiederzusehen, ob fünf Minuten oder zwei Wochen weg.

Die Musik aus den Hauptlautsprechern wird brachialer und undefinierbarer. Zeit für mich, mir ein irgendwie geartetes Plätzchen zu suchen. Etwas weiter weg. Parken, Ruhe, etwas Schlafen, wenn möglich. Der nächste Morgen. Noch sonniger als der Tag zuvor. Einen Kaffee im Supermarkt gönne ich mir noch, bevor es wieder zum Mekka der Auto-Jünger geht. Emsige Geschäftigkeit überall. Ich kann es kaum fassen, was machen die denn schon alle hier? Müssten eigentlich total betrunken noch in ihren Zelten ihren Rausch ausschlafen. Fehlanzeige. Männer und Frauen pilgern zur allgemeinen Waschstätte und den Sanitäranlagen. Alles ganz diszipliniert. Handtuch unterm Arm, silberfarbene Dosen in der anderen. Party-Pop-Energydrinks. Es ist noch keine Neun und die Party-Mobile mit Feiervolk fahren schon rum. Das Bier zum Frühstück. Einer zu mir: Ja klar. Muss sein. Muss man gegensteuern. Mit dieser Meinung ist er nicht allein. Das fünfte Jahr kommt er schon hierher. Naja, dann ist er konditioniert. Meine Guten-Morgen-Frage an den Veranstalter nach Besonderheiten. Alles gut, keine außergewöhnlichen Vorfälle, Verletzte oder Sachschäden. Alles friedlich. Gut zu wissen. Allerdings frage ich mich, bei all den Alpha-Männchen hier, ob das wirklich so ist. Warum ist denn eigentlich der große Mutterkonzern nicht mit riesigen Messe-Ständen hier unterwegs, um das Publikum mit seinen neuesten Sachen zu erfreuen? Antwort: Nein, wir hatten zwar schon einmal große Zulieferer auf dem Treffen, aber VW konzentriert sich wohl voll und ganz auf „seine Autostadt“. Macht auch nichts. Vielleicht traut sich VW ob der letzten Presse nicht so ganz auf den Platz und unters gemeine Volk. Der Auto-Riese freut sich, dass es diese Menschen gibt.Treu ergeben wird weiterhin das schöne Geld in die noch schöneren Blechmobile gesteckt. Hier wechselt keiner seine Marke. Das käme einem Verrat gleich, wie ich annehme.

 

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Auffällig bei diesem Sehen und Gesehen Event: Bunte Spiegel Ray Ban Sonnenbrillen und NB Schuhe. Wo das Auge auch hinschaut. Ist das jetzt schon ein politisches Statement oder nur sportliche Lässigkeit und Hang zu einer Underdog-Marke? Andere Frage. Sitzen die Typen jetzt wieder an ihren Stammplätzen aufgereiht wie Hühner auf der Hühnerstange oder haben sie ihren Platz noch gar nicht verlassen? Ein anderer putzt zumindest schon fleissig seinen schnellen Audi-Flitzer und wird von seiner Frau gelobt. Die Spass-Gesellschaft wacht langsam auf. Erster Programm-Punkt: Die Drift Unit. André, 25, Automechaniker fährt seit zwei Jahren für seinen Verein, dem driftsport-sachsen. Seine Ausrüstung und Spielzeug: BMW Standard 3er, besser gesagt, ein E 36 Kompakt, 6 Zylinder, 170 PS. Mit all dem Wahnsinn an Bord. Überrollschutz, Sicherheitszelle, hydraulische Bremsanlage, dem sogenannten „Fly-off“ in Lenkrad-Nähe. Fahrwerk tiefergelegt. Über einen abgesteckten Parcout donnern die Jungs dann los, Spitzenbeschleunigung und Vollbremsen zum Kurven-Drift. Macht Spaß, wie mir eine junge Frau (mit Spiegelbrille!) verrät. Ich traue mich und steige ein. Helm auf die Birne und los gehts. Er macht die Sache super. Ein echter Profi. Das Auto liegt wirklich wie ein Brett auf der Straße. Unglaublich. Motorsport halt. Die Reifen finden das bestimmt nicht so toll. Die werden gefahren, bis sie blank sind. An so einem Wochenende gehen dann schon einmal bis zu 60 Reifen pro Fahrzeug drauf. Publikum und Wagemutige stehen Schlange, um eine Runde mitzufahren. Toll. Ich bin begeistert. Vielen Dank.

 

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Jetzt muss ich aber weiter zum 1/4 Meilen-Rennen. Das ist doch nun wirklich etwas Verrücktes: Normale Autos donnern mit überholten Motoren auf der alten Startbahn und liefern sich Kopf-an-Kopf-Duelle. Amerikanische Verhältnisse gibt es auch: Die Super-Rennwagen Dragster und Muscle-cars mit über 1.000 PS flitzen unter acht Sekunden bis zum Ziel. Pervers schnell! Die Rennpiloten möchte ich mir gerne etwas näher anschauen. Was fällt einem gleich auf: Eine wunderschöne Chevrolet Corvette, Baujahr 1975. Hans begrüßt mich mit seinem österreichischem Charme und steht mir Rede und Antwort. Aber was? Er ist gar nicht der Fahrer? Die hübsche Frau neben ihm wird mir vorgestellt: Katharina. Sie also fährt das Geschoss mit über 600 PS und rund 7.000 ccm unter der Haube. Ihre Bestzeit für die Strecke ist 10,87 Sekunden. Das ist schon ziemlich schnell! Auch wenn es noch Schnellere gibt. Die junge, zierliche Frau mit den hübschen langen blonden Haaren ist schon jetzt meine Tages-Siegerin! Respekt. Mein Interview fällt dann auch etwas länger aus. Eine Frau, Rennfahrerin, Motorsport. Das weckt meine Neugierde. Zur Qualifikation kommt es heute nicht mehr: Riesige dunkle Wolken ziehen auf. Und schon geht es los. Unwetter, Gewitter, Sturzbäche von Wassermassen. Die Party geht trotzdem munter weiter. Sturzbetrunkene Männer tanzen unbekümmert auf ihren Fun-Mobilen um die Wette. Sogenannte „Trap-Musik“ feuert sie und ihre weiblichen Fans zu immer neuen Körperverrenkungen und Zuckungen an. Das ist doch mal echte Musik für den Herzschrittmacher. Die Mädchen stehen darauf, die Beinchen schwingen, Hintern wackeln im Takt. Regenmassen. Leise geworden. Der Strom ist ausgefallen. Aber wen stört das schon, läuft ja alles über Autobatterien oder Diesel-Generatoren. Frauen springen in sexy carwash Outfit und Gummistiefeln durch die riesigen Pfützen, die Männer jubeln, gröhlen und mixen ihre Nachmittagsportion: Captain Morgan Rum und Cola. Jetzt könnte eigentlich wirklich der Wet-T-Shirt-Contest starten. Leider ist es nicht so warm hier wie unter der Sonne in Florida.

Nix mehr schöne Sommerparty! Nix mehr „Miss Einspritzer“ Wahl! Lange Gesichter. Weiterfeiern? 80 Prozent der Zelte weggespühlt und durchnässt, ganze Pavillons wirbeln durch die Luft. Wirklich dunkle Wolken. Nicht nur eine Husche, wie man so in Berlin zu sagen pflegt. All die schön polierten Autos. Man kann Mitleid haben. Die Hartgesottenen feiern weiter, die Restlichen bringen sich in Sicherheit. Vorbildliche Organisation: Absolutes Fahrverbot auf dem gesamten Gelände. Ein Cabrio-Fahrer kann es gar nicht fassen und wird fast vom Platz verwiesen, der partout nicht den Motor abstellen will, als dann der Regen vorbei ist und alles unter Wasser steht. Die Menschen kommen wieder zum Vorschein. Und siehe da: Die meisten haben wirklich an ALLES gedacht. Hunderte von Männern und Frauen laufen in Gummistiefeln rum. So viele Gummistiefel habe ich seit 30 Jahren, außer im Dänemark-Urlaub, nicht mehr gesehen. Hat ja auch was. Genug für heute. Quartier beziehen.

 

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Zweite Nacht und zweiter Morgen. Deutlich abgekühlt hat es sich, aber zumindest hat sich das Unwetter verzogen. Fast perfektes Rennwetter. Hoffentlich bleibt es so. Ausgangspunkt meiner neuen Runde heute: Die Händlermeile. Natürlich viele Fress- und Saufbuden aber auch Prüfstände für die Auto-Beschleunigung, Verkaufsstände für Scheibentönungen und ein bisschen Tuning-Zubehör. Vorbeilaufende Männerhorden wollen mich schon gleich auf ein Bierchen einladen. Hallo! Ich muss noch arbeiten. Alle lassen gerne ein Erinnerungsfoto von sich machen. „Wer bist Du denn?“ die immer gleiche Frage. „Von der Lügenpresse, natürlich!“ Jetzt aber erst Recht ein Bier. Was mir sehr sympathisch ist: Bis jetzt geht es hier total politisch korrekt zu. Also unpolitisch. Die gemeinsame Freude am Auto schafft Verbündete. Mehr davon! Aylin und Jenny laufen mir über den Weg zur Rennstrecke. Kurzes Hallo. Ein Foto muss sein. „Wieso seid ihr hier?“ Die beiden Mitt-Zwanzigerinnen schauen sich verblüfft an, kichern, fallen sich in den Arm und geben offenherzig zu: Ja, ist doch geil, mal richtig die Sau rauszulassen. Gegröhle. Sofort kommen fremde Männer dazu und nehmen die Mädchen in ihre starken Männerarme und schon geht es weiter. Was für Piercing-Tanten, denke ich! Und ganz unwillkürlich geht mir durch den Kopf, ob Menschen, die sich irgendetwas durch die Haut stechen lassen (zwanghaft!) grundsätzlich Opfer von Misshandlungen in der Kindheit oder häuslicher Gewalt waren? Da muss einfach ein Zusammenhang bestehen, wie ich glaube. Schmerz = Erinnerung. Gewalt = Kick. Oder sind das einfach nur ganz gewöhnliche Masochisten? In früheren Zeiten war das ja auch Ausdruck von Zugehörigkeit und Tapferkeit im Kampf. Stolz und Ehre dem, der es hat. Aber bitte: Wo ist hier der Kampf? Warum neigt die menschliche Spezie nur immer zu Exzessen? Nun, im Mittelalter gab es ja auch Schändungen aller Art, Gruppenvergewaltigungen, Mord und Totschlag. Dasselbe könnte man sich doch eigentlich auch bei Menschen mit Tattoos fragen, oder? Ich winke ab. Reine Statussymbole.

 

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Ein kleiner, sehr, sehr unauffälliger Stand weckt meine Neugierde. Das Bundesministerium für Verkehr (Staat!) will sich nicht lumpen lassen. Thema Verkehrssicherheit mit drei Info-Flyern und einem Computer-Reaktions-Messgerät, an dem ich selbst im nüchternen Zustand kläglich versage. Ich Schwächling. Und, wie viele Besucher waren schon da? Null Interesse. So etwas nennt man doch eher missglückte Promotion-Aktion, eher Alibi-Veranstaltung.

Jetzt zum Rennen, aber wirklich. Große Geschäftigkeit. Damit alles professionell gemeistert wird, ist Peter mit seiner Mobiletiming-Anlage am Startpunkt. Der Mitte-Dreißigjährige managt mit seinem Team das ganze Renngeschehen. Über 400 Renn-Anmeldungen gibt es, locker 1.000 Starts über das ganze Wochenende! Wahnsinn. Gut gelaunt bringt ihn so leicht nichts aus der Ruhe. Gibt es einen Technik-Check? Naja, wir schauen schon hin. 90 Prozent der Starter-Fahrzeuge haben ja eine normale Straßenzulassung. Das ist natürlich anders bei den ganz schnellen Geräten. Das Publikum freut’s, wenn dann der kleine, getunte Golf den Audi A8 für 80.000 Euro im Rückspiegel hinter sich lässt. Wie mir Peter versichert: Am Startpunkt entscheidet sich das Rennen, wer also am schnellsten von der Bremse kommt. Es wird immer lauter. Die Motoren jaulen auf. Krach. Ohrenbetäubend. Gelächter auch bei Fehlstarts auf der Tribüne, oder wenn ein Fahrzeug nach nur fünf Metern schlapp macht! Dann fragt der Kommentator schon einmal, ob das kaputte Getriebe wieder bei Ebay ersteigert oder ATU gekauft wurde. Volksfeststimmung.

 

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Jetzt noch ein anderes Spektakel bitte: Burnout-WM. Was so viel bedeutet wie, Männer (und vielleicht auch Frauen) fahren in einem begrenztem Radius ihre Schlappen zu Fetzen, bis das Gummi von der Felge runterspringt oder besser gesagt, qualmend runtertrieft. Mir stockt der Atem, vor lauter verbrannter Reifen-Luft. Kann das gesund sein? Tausende Besucher haben sich auf einer kleinen Anhöhe versammelt, um das Krachen und Quietschen zu sehen und zu begutachten. Applaus gibt es bei jeder neuen Drehungen der armen Autos, wenn die Reifen mit angezogener Handbremse am Durchdrehen sind. Parallelwelt, wer das gut findet.

Ein letzter Besuch. Nun ist „Show & Shine“ dran. Das Schönste zum Schluss, auch für mich. Männerspielzeuge vom Allerfeinsten, Männerträume, Männerphantasien. Minderwertigkeitskomplexe? Potenzprobleme? Fehlanzeige. Die Teilnehmer strotzen vor Selbstbewusstsein und schön frisierten Autos. Die tollsten Karren stehen in Reih und Glied und werden von einer fachkundigen Jury begutachtet und dann bewertet. Da gibt’s einen 50 Jahre alten Käfer in bestem Perlmuttweiß, dort ein sehr edel gestylter Polo mit allem Schnickschnack, der einen optisch abzulenken vermag. Hier trifft sich die gesamte Bandbreite aus dem Hause Wolfsburg, alte und junge Baujahre. Dafür gibt’s auch Pokale. Ich find’s toll.

Das „Erotic Carwash“ kann mir nach all dem Sinnes-Overflow nun wirklich nur noch ein müdes Lächeln hervorzaubern. Den anderen Zuschauern wohl auch. Einer brüllt zwar trotzdem unablässig „Ausziehen, ausziehen!“ aber da ist nichts zu machen. Was daran jetzt erotisch sein soll, weiß ich nun auch nicht. Zwei Stangen-Tänzerinnen (wie ich vermute) räkeln sich ein bisschen auf der Motorhaube und zerren dann die armen Kerle aus ihrem Fahrzeug um sie gehörig mit Wasser und Spülmittel einzuseifen. Das wars. Auch für mich. Ich mach‘ jetzt definitiv einen Abgang. Nach drei Tagen muss ich passen. Schlapp gemacht. Dabei ist noch nicht einmal Pfingst-Sonntag. Nun denn, man soll ja aufhören, wenn es am Schönsten ist. Das Feuerwerk schenke ich mir gerne. Ich hatte schon genug Krach. Für so eine Veranstaltung braucht man echt Ausdauer oder eine übergroße Portion guten Willen. Ich sage Tschüß und Danke. Es war eine große Party, es gab eine perfekte Organisation und Technik vom Veranstalter, es gab friedliche und gut gelaunte Menschen. Was will man mehr? Anders geht es beim Karneval in Köln oder beim Oktoberfest in München auch nicht zu.

 

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Auf zur heiligen Pfingst-Ruhe! Ab nach Hause zu Kind und Kegel. Mit meinem schwedischen Volkswagen fahre ich vom Platz. Ungläubiges Staunen. Volvo, hä, was ist das? Und muss an das Lied von Neil Young denken: „Old Man“… aber bitte in der etwas schnelleren Variante von der Berliner Metal-Band Motorjesus. Das ist dann doch etwas zeitgemäßer. Zu meiner Entschuldigung muss ich noch eins sagen: So ganz wertneutral konnte ich diesen Bericht einfach nicht schreiben. Wirklich. Aber alle Auto-Fans und Auto-Verrückten werden mir das mit ihrer guten Seele auch verzeihen, da bin ich mir sicher. Bis zum nächsten Jahr dann!

 

 

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