Der Mann und die Musik

Eine kleine Geschichte zum Jahresanfang! Es geht um Musik und Macht, Hingabe und Leidenschaft. Eine ganz harmlose Dreiecksgeschichte in einem mysteriösen Haus. Mir war so danach, mal wieder etwas aufzuschreiben. Lässt einem ja doch keine Ruhe! Das eigentlich Interessante an diesen Kurzgeschichten ist doch immer das offene Ende. Es könnte so oder aber so sein. Oder ist es alles doch nur Einbildung? Ein Hirngespinst?

 

Es gibt zwei wichtige Dinge im Leben:

Für die Männer die Frauen, für die Frauen das Geld.

 

DER MANN UND DIE MUSIK
Der Wind schlug gegen die alten Fenster und suchte sich einen Weg in die Zimmer des alten Hauses. Eine stürmische Nacht, die über die kleine Stadt hereinbrach. In dem großen Haus wohnte ein alter Mann. Der Mann saß wartend in seinem Lehnstuhl am Feuer und dachte daran, was nun kommen wird. Er hatte seine Beine übereinander verkreuzt und um seine Füße schlichen zwei helle Katzen herum, treu ergeben dem Hausherrn mit der kleinen Nickelbrille auf der Nasenspitze. Der große Raum war von dem Schein des Feuers aus dem Kamin in ein festliches Licht getaucht und die schweren Vorhänge hingen wie Ziehharmonikas still vor den alten, hohen Holzfenstern. Von draußen schimmerte ein dunkles Blau und bedrohliches Wolkenspiel hinein. Gleich wird es dunkel sein, dachte der Mann, als seine Haushälterin das Zimmer betrat und fragte, ob der Herr noch einen Wunsch hätte. Der Mann verneinte wortlos mit einem Kopfschütteln die Frage, so dass sich die Frau verabschiedete.
Was für ein stinklangweiliger Tag wieder zuende ging, ohne das der Mann seinem bescheidenem Leben einen aktiven Impuls hätte versetzen können! So hatte er wie gewöhnlich den Nachmittag mit Studien und Lesen zugebracht, immer wieder ein paar Notizen und Gedanken auf Papier gebracht. Man könnte auch sagen, dass der Mann in seiner Abgeschiedenheit ein recht beschauliches Dasein fristete. Viele Gäste kamen nicht mehr zu Besuch. Wenn, dann einmal im Monat sein Buchhalter, der ihm die letzten Papiere zur Durchsicht vorlegte. Oder an einem anderen Tag im Monat seine alten Damen, die ihm zum Tee und einer Partie Bridge Gesellschaft leisteten. Seine Frau war vor langer Zeit gestorben, seine Kinder waren noch länger aus dem Haus entflohen und in der Welt verstreut, seine Enkelkinder auf verschiedenen Internaten verteilt, um gute Mitglieder der heutigen Gesellschaft zu werden und ihren vorgezeichneten Weg zu gehen.
So neigte sich der Tag dem Ende und er goß sich gerade einen winzigen Schluck Portwein in sein Glas, als es vernehmbar an der Tür klopfte. Nach einer kurzen Pause trat ein junger Mann ins Zimmer. Der Mann begrüßte den Alten mit seiner höflichen Art und ging zu seinem Pult, um mit seiner Arbeit anzufangen. Sein Arbeitspult stand vor den großen Schränken gut sichtbar für den alten Herrn, der am anderen Ende des Raumes noch immer vor dem Kamin saß. Sein ganzes Leben hatte der alte Mann sich mit Musik beschäftigt. Er kannte alle Lieder, angefangen bei den dreißiger Jahren des vorherigen Jahrhunderts bis in die neue Zeit der elktronischen Klangwelten, die ihn ebenso interessierten. Die Musik und die Fotografie waren sein Leben. Und er war es gewohnt, dass andere Menschen für ihn arbeiteten und in seinen Diensten standen. So konnte es auch nicht verwundern, dass er sich einen jungen Mann als Gesellschafter einlud, der ihm seine gewünschte Musik vorzuspielen hatte. Und wie es passte! Scheinbar wusste dieser junge Mann immer genau, welche Klänge der alte Mann im Sessel hören wollte. Der junge Mann stellte sich wie ein Dirigent vor das Pult, schaltete die Elektronik ein und begann mit seinem Programm. Er eröffnete den Abend sehr feierlich mit einem Stück von Bruckner. Leise schwebte die Overtüre durch den Raum, um sich dann mit einem sanftem Übergang mit Wagner zu vereinen. Das war eine Kunst, die der junge Mann beherrschte. Er spielte mit der Musik wie ein Maler mit seinem Pinsel. Stück auf Stück setzte er die Melodien neben und hintereinander, als würde er jeden neuen Wunsch seines Meisters mit den Lippen ablesen.
Die junge Frau öffnete die Tür und glitt in ihren hohen schwarzen Stiefeln über das spiegelnde Parkett des Bodens, bis sie den großen roten Teppich in der Mitte des Zimmers erreichte. Sie legte ihre Tasche und ihren Umhang wie eine Diva ab, schaue kurz zu dem Musikus, stand still, verbeugte sich dann vor dem alten Mann mit einer eleganten Kopfbewegung, um ihm ihren Respekt zu zollen und verharrte bis zum nächsten Klangwechsel. In dieser so harmonischen Anspannung und Erwartung für ihren Auftritt hob sie ihre Brust, streckte den Hals nach hinten, fecherte ihre dunklen Haare auseinander und sank anschließen amazonenhaft zu Boden, um ihren Tanz vorzubereiten. Mit gleichmäßigen Bewegungen richtete sie sich wieder auf, wurde eins mit der Musik und bewegte sich so vollendet mit den Rythmen wie es nicht hätte schöner sein können.
Der Musiker schalte die Lichter für die Tänzerin an, so dass die Frau wie auf einer Bühne ihren Tanz begann. Es schien fast so, als ob sie von Geisterhand und wie eine Marionettenpuppe von den vielen Lichtern geführt werde, so geschickt umspielte das Licht ihren feinen Körper von oben bis unten. Wenn sie ihre Hände nach oben führte, folgten die Strahler ihren Bewegungen. Das andere Licht bewegte ihr Becken, ein weiteres ihren Kopf. Ihre Haare wirbelten nun wie ein unsichtbarer Schleier aus Tausenundeinernacht um sie herum, um dann wieder von den Lichtstrahlen und den flackernden Reflexen malerisch neu geordnet zu werden. Was für ein Anfang! Ein Auftritt für die Ewigkeit. Schöne Dinge können nicht sterben. Und dies gehörte zu den schönen Dingen.
Der alte Mann beobachte jede neue Bewegung der tanzenden Frau und forderte sie mit seinen Augen zu neuen Kunststücken auf, die sie scheinbar bereitwillig und doch eigensinnig umsetze. Die junge Frau glitt über den Teppich, wand sich im Licht zur Musik von Melodie zu Melodie. Die junge Tänzerin wirbelte über den Teppich und spürte die Blicke auf ihrem Körper. Sie verwandelte sich, genoß die Aufmerksamkeit, die sie erzeugte. Und wie sie sich spürte, jede Muskelanspannung, von den Zehenspitzen bis in den Nacken, zu den Haaren. Das Spiel der Musik entfachte immer neue Drehungen und Wendungen. Sie konnte nicht aufhören, das wusste sie. Die kleinen Pausen zwischen den Liedern nutzte sie geschickt, um sich kurz zu sammeln und ihre nächste Darbietung zu überlegen. Alles war so hemmungslos, so intuitiv und perfekt, dass man nicht eine Minute zögerte, zu glauben, sie hätte alles vorher einstudiert und nichts dem Zufall, ihrem Talent der Improvisation überlassen.
Meisterlich wechselte der Musikus die Lieder in einer scheinbar wahlosen Unordnung ineinander, dass sich die Stücke wie ein Puzzle zusammensetzen, die zusammengehören. Das Konzertzimmer verwandelte sich mit den Klängen und den Lichtern in die jeweilige Zeiten und alle Beteiligten schienen in diesem Magischen Dreieck zu verschmelzen. Bei jedem Lied dachte der alte Meister aufs Neue, dass ist nun sein Lieblingsstück, und das und das und das auch. Wie viele Lieblingsstücke kann man denn haben? Gibt es denn dieses eine Werk? Es ist fast wie die Suche nach dem heiligen Grahl, den man sich schon gewähnt hat, in den Händen zu halten, bis er doch wieder verschwindet. Und in dieser Sucht nach der Suche verfängt man sich doch wieder in einem unerklärlichen Chaos aus Gefühl, Verstand und Nicht-Verstehen. So war das auch wieder an diesem Abend. Wie gerne würde der alte Mann sich nun erheben, mit seinen Fingern im Takt spielen, die junge Frau umarmen, die vor ihm mit ihrem Tanz beschäftigt ist und ihn mit ihren jugendlichen Reizen verführt. In dieser Nacht will er sich trauen und mit ihr gemeinsam feiern. Aber da dreht sie sich schon wieder um, mit aller erdenklichen Sinnlichkeit schreibt und malt sie ihre Weiblichkeit in den Raum. An die Decken, an die Wände, an die Tür, an die drei großen Fenster, auf den Boden.
Muss ich denn jeden Abend alleine tanzen? Der junge Mann spielt Musikstücke, die ich noch nie zuvor gehört habe und doch fällt es mir nicht schwer, mich diesen Liedern mit meinem Ausdruck zu widmen und sie zu verschönern. Der Tanz gehört der Musik und ich gehöre der Musik. Der Tanz macht mich so schwerelos, dass ich ohne Raum und Zeit bin. Nun entkleide ich mich langsam, Geschickt versuche ich meine Befreiung von allen Zwängen zu feiern. Ich verbeuge mich vor dem Musiker, ich sehe den alten Mann, ich sehe das Licht, meine Schatten, ich bin doch nicht mehr ich, oder?  Heute Abend gehöre ich wieder dem alten Mann und dem Musiker, das weiß ich. Wenn ich fertig bin mit meiner Arbeit erhalte ich meine Belohnung. Dann bin ich wieder Ich und darf mich ausruhen. Jetzt muss ich weiterspielen.
Der alte Mann hatte dem jungen Mann aufgetragen, die Dramatik der Inszenierung frei zu gestalten. Nur musste es bis zum ersten Tageslicht sein. Das war die Verpflichtung. Und so schaute sich der junge Mann in dem Zimmer weiter neugierig um, in der kurzen Zeit, in der er nicht die Musik wechselte und ein neues Stück aussuchte. Die junge Frau tanzte weiterhin mühelos durch den Raum, umhüllt von all den schönen Scheinwerferlichtern, die auf ihren jugendlichen Körper niederfielen und die Mitte des Raumes illuminierten. Die Zeit war fortgeschritten und das Brennholz vor dem Kamin neigte sich dem Ende zu. Hin und wieder warf der alte Mann einen Holzscheit in die rotgoldene Glut. Die Nacht war fast geschafft und ein kleiner Schein am Horizont leitete den frühen Morgen ein.
Wie spät ist es jetzt wohl? Die hübsche Frau tanzt immer noch zur Musik, die ich spiele. Ein paar Lieder werde ich wohl noch vorführen, die dem alten Mann gefallen. Mit unserem heutigen Höhepunkt haben wir unser Fest der Sinne gefeiert. Kann das immer so weitergehen? Wie benommen fühle ich mich wie ein großer Führer nach einer großen Rede! Mehr geht doch nicht. Ich bin müde, ich bin erschöpft, ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr. Wenn ich fertig bin mit meiner Arbeit, dann bekomme ich meine Belohnung, dass weiß ich. Dann bin ich wieder frei und kann mich ausruhen. Und ich kann mir Gedanken für den nächsten Abend machen. Denn ich muss ja bei jedem Lied aufpassen und neu entscheiden. Es muss schon passen.
Der Raum mit den drei Anwesenden verwandelte sich langsam wieder in das, was er immer war, die Bibliothek des alten Herrenhauses mit all den Büchern und alten Bildern an den Wänden. Die gemütliche Sitzgruppe der Sofas und Sessel mit den schönen runden Beistelltischen, auf denen Lampen standen und ein angenehmes Leselicht spendeten, fand auch wieder ihren Platz vor der Fenstergruppe. Und vor den mächtigen Vorhängen lagen die drei Katzen. Der große Schreibtisch vor der Bücherwand quoll über mit Blättern, Notizen und aufgeschlagenen Büchern. Unmöglich, in dieser Unordnung eine geistreiche Arbeit verrichten zu wollen. Aber es war ja auch eher ein Raum für gesellschaftliche Nachmittage mit Familie und Freunden. Und doch war an diesem frühen Morgen nichts so, wie es schien. Es gab noch die Lichter, die Beleuchtungen, eine junge Frau, die halbnackt tanzend um die Lichtkegel springt. Da war auch noch der junge Mann, der sich mühevoll auf sein Arbeitspult stützt, dem man die ganze Anstrengung der Nacht ansieht und der doch noch nicht abgeschlossen hat mit seiner Zaubervorführung. Das Konzert der Drei musste erst noch würdevoll beendet werden. Und dies geschah jetzt.
Die junge Tänzerin in der Mitte des Raumes verlangsamte ihre Bewegungen und umhüllte sich mit ihrem Schal, den sie sich elegant über ihre Brust bis hinunter zum Becken legte. Eine Hand blieb in ihrem Nacken angewinkelt, die andere Hand streckte sie dem alten Mann entgegen. Da erhob sich dieser aus seinem Sessel und ging zur Mitte des Raumes, um mit ihr das letzte Lied zu tanzen. Der junge Mann am Pult kannte die Zeremonie genau und setzte gerade zum letzten Lied an, das leise anfing und dann anmutig anschwoll. Die junge Frau griff nach der alten Hand, zog den Mann langsam zu sich heran und gab ihm ihre warme Nähe. Wie sie sich freute, ihn nun nach der langen Nacht zu umarmen. Der Mann suchte ihre Augen und sie blickte ihn wiederum voller Freude und Dankbarkeit an, in ihm so ein dankbares Publikum zu haben. Der Mann begriff gar nicht, wie sie ihn mit einer Leichtigkeit führte. Er fühlte sich glücklich. Wieder ein Abschied, dachte er. So wie jeden Abend. Und der Musiker verließ sein Pult und kam zu dem langsam tanzenden Paar und reihte sich ein. Der alte Mann blickte in ein zufriedenes und sehr entspanntes Gesicht einen hübschen Mannes, der ihn ebenfalls an die Hand nahm und mit ihm tanzte. In dieser Eintracht verbrachten sie das letzte Stück. Sie hielten sich so fest sie konnten und doch fühlten sie das nahe Ende des Klanges. Der junge Mann hatte eine besonders schöne Opernarie mit einem berühmten Tenor ausgesucht, mit der er das Fest beenden wollte.
Mit wortlosen Blicken verneigen sich alle Drei voreinander, in respektvoller Demut vor den Leistungen des jeweils anderen. Der alte Mann verliess als Erster den großen Raum. Er ging langsam zur Tür und öffnete diese. Auf die Anrichte vor der Tür legte er einen Briefumschlag für die Tänzerin und einen für den Musiker. Dann verliess der junge Mann das Zimmer, nahm den Briefumschlag mit seiner Donation und ging die Treppe runter in den großen Salon vor dem Eingang. Die junge Tänzerin hob ihre Kleidung vom Teppich auf, zog ihren ledernen Mantel an, hängte sich ihren Umhang über und eilte als Letzte aus dem Raum. Sie nahm den für sie bestimmten Briefumschlag und eilte die Treppe runter. Da erst bemerkte sie die wohlige Erschöpfung in sich aufkommen. Vor dem Haus wartete schon der Fahrer, der sie in die Stadt fahren wird. Sie setzte sich in den großen Wagen und schloss ihre Augen. Sie hörte noch ein bisschen dem Motor zu und fühlte die sanften Bewegungen der Beschleunigung, blickte noch einmal auf die vorbeiziehenden Alleebäume im Morgenlicht und war wieder frei. Frei und ohne Verpflichtungen. Was für ein schönes Gefühl. So fühlte sie sich geborgen und in Sicherheit zugleich. Es gab keine schweren Gedanken mehr, so wie in ihrem früheren Leben. Und was es mit diesem geheimnisvollen alten Mann auf sich hat, wollte sie gar nicht wissen. Der alte Mann schläft bestimmt schon, dachte sie nur. Ich habe ihn so gern.
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